Weingut | Familienbetrieb
Geschichte und Familie
Die Wurzeln des Weinguts reichen tief in die Geschichte Südtirols. 1225 wird das „Gut Linticlar" erstmals urkundlich erwähnt — eine Lehensurkunde, die bis heute im Archiv der Familie liegt. Doch die Besiedlung ist noch weit älter: Stein- und bronzezeitliche Funde an der Burgruine oberhalb des Weinguts belegen, dass dieser Fleck an der Südtiroler Weinstraße seit der Vorgeschichte bewohnt ist.
Der Ansitz Turmhof, das Herzstück des heutigen Betriebs, gelangte 1675 über die Familie Aichner in Privatbesitz und wurde fünf Generationen lang von ihr bewirtschaftet. 1847 vererbte Josef Aichner den Besitz an seinen Neffen Karl Pardatscher, der ihn 1866 an seinen Cousin Johann Tiefenthaler verkaufte. Schon 1848 war der Betrieb offiziell als Weinhandlung registriert worden — mit Handelsbeziehungen in die Nachbarländer.
Johann Tiefenthaler war nicht nur Weinbauer, sondern auch Künstler und Visionär. Zwischen 1861 und 1900 schuf er Fresken und Tuffsteinskulpturen, gestaltete den Schlosspark mit Teichanlagen und mythologischen Figuren — ein Gesamtkunstwerk, das bis heute Besucher anzieht. Seine Tochter Luise heiratete 1897 den aus Margreid stammenden Johann Tiefenbrunner, wodurch der Besitz über die Eheschließung in die Familie Tiefenbrunner überging. 1910 ließ Johann Tiefenbrunner mit bemerkenswert frühem Weitblick ein eigenes Wasserkraftwerk mit 85 kW Leistung errichten — das nicht nur den Hof, sondern auch die Nachbargemeinden mit Strom versorgte.
Eine Zäsur brachte der Zweite Weltkrieg: 1943 wurde Herbert Tiefenbrunner (1928–2015) mit gerade einmal 15 Jahren zum Kellermeister — der Vater war eingezogen, die Ernte musste eingebracht werden. Herbert sollte das Weingut über ein halbes Jahrhundert lang prägen. 1955 heiratete er Hildegard „Hilde" Goller (1928–2024) aus Seis am Schlern, die sich als ebenso tatkräftig erwies: 1968 eröffnete Hilde die erste Jausenstation am Turmhof und begann mit dem Verkauf von Flaschenwein in Literflaschen — ein Novum für die Region. Vier Jahre später folgte Herberts Coup: 1972 pflanzte er auf dem Fennberg auf 1.000 m Höhe den damals höchstgelegenen Müller-Thurgau-Weinberg Europas — eine Sensation, die Tiefenbrunner international bekannt machte.
1983 stieg Sohn Christof mit 18 Jahren in den Betrieb ein, nachdem er Erfahrungen in England und der Toskana gesammelt hatte. 1986 reisten Vater und Sohn gemeinsam zur Londoner Weinmesse — der Beginn der internationalen Ausrichtung. Im Jahr 2000 übernahmen Christof und seine Frau Sabine (geb. Lechner) die Betriebsführung in der fünften Generation, während Herbert und Hilde beratend zur Seite standen.
Herbert Tiefenbrunner verstarb am 1. April 2015; das Weingut ehrte ihn mit einer Memorial-Edition. Hilde folgte ihm am 29. Februar 2024 — fast 70 Jahre nach ihrer Hochzeit. Heute bilden Christof und Sabine mit ihren Kindern Anna und Johannes das Kernteam des Familienbetriebs.
Weingüter und Lagen
Die Schlosskellerei Turmhof thront seit dem 12. Jahrhundert über dem Dorf Entiklar in der Gemeinde Kurtatsch an der Weinstraße. Das Weingut bewirtschaftet 25 Hektar eigene Weinberge an vier Standorten und arbeitet mit rund 58 langjährigen Vertragswinzern zusammen, die weitere ca. 52 Hektar beisteuern — insgesamt rund 77 Hektar mit 12 Rebsorten in einem Höhenspektrum von 210 bis 1.000 Metern.
Kurtatsch–Margreid bildet das Kerngebiet: Am rechten Etschufer, an der Grenze zum Trentino, herrscht ein mediterranes Klima mit alpinen Einflüssen. Hier liegen die Lagen Brenntal, Frauenriegel, Breitbach, Gruben und Milla — kalkhaltige Lehm- und Sandböden auf Porphyrgestein, Moränenablagerungen und Anschwemmböden. Das Gros der Weiß- und Rotweine stammt aus diesen 220–350 m hoch gelegenen Hanglagen.
In Bozen bewirtschaftet Tiefenbrunner die Stubengüter im Talkessel — sandige Böden mit Bozner Quarzporphyr-Findlingen auf 260 m, das klassische Terroir für Lagrein. Die Stubengüter-Trauben fließen in den Linticlarus Lagrein Riserva.
An der linken Etschseite liegen die Weinberge in Montan (Glen, Pinzon) und Neumarkt (Mazon) — hier gedeiht vor allem Blauburgunder (Pinot Noir) auf den Südosthängen.
Eine Besonderheit ist Völser Aicha am Nordhang des Tiersertals, inmitten des Naturparks Schlern-Rosengarten: Hier formen vulkanische Verwitterungsböden ein einzigartiges Terroir, das den Weinen eine besondere Mineralität verleiht.
Und dann ist da der Fennberg — mit 1.000 m der Gipfel des Sortiments, im wahrsten Sinne. Der 1972 von Herbert Tiefenbrunner gepflanzte Müller-Thurgau-Weinberg war eine Sensation und machte das Weingut weltbekannt. Die Lage Penon und Hofstatt auf dem Fennberg sowie die Lagen Rachtl, Toren, Au und Graun liefern die Trauben für die Premium-Linien Vigna und Linticlarus.
Weinbau und Keller
„Wir keltern selbstbewusste Weine. Sie wissen, woher sie kommen und überdauern kurzlebige Trends." — Dieser Satz von Christof Tiefenbrunner ist Programm. Die Philosophie im Keller folgt dem Grundsatz, den Charakter von Rebsorte und Lage nicht zu verfälschen, sondern durch geduldige Reifung zum Ausdruck zu bringen. „Klar, unprätentiös und nie übertrieben" — so beschreibt Önologe Stephan Rohregger die Handschrift des Hauses.
Rohregger stieß 2007 zum Weingut, ausgebildet an der Fachschule San Michele und der Universität Geisenheim, und brachte eine terroirbetonte Kellerarbeit mit, die das Zusammenspiel von Natur und Handwerk in den Vordergrund stellt. Ihm steht ein vielfältiger Fuhrpark an Gefäßen zur Verfügung — jedes mit eigener Funktion:
- Betontanks (5.000–35.000 l): Ermöglichen einen minimalen, kontinuierlichen Sauerstoffaustausch und liefern frische, aromatische Weine mit primärer Frucht. Seit 2020 stehen im neuen unterirdischen Gärkeller auch tulpenförmige Betongefäße, die eine sanfte Konvektion der Hefen fördern.
- Edelstahltanks (1.000–12.500 l): Für sauerstoffdichte Zwischenlagerung.
- Große Eichenfässer (1.500–5.000 l): Verleihen durch ihre poröse Oberfläche eine dezente Sauerstoffzufuhr — Eleganz ohne aufdringliches Holz.
- Tonneaux (450 l): Höheres Holz-Wein-Verhältnis, beschleunigte, aber ausgewogene Reife.
- Barriques (225 l): Maximaler Holzkontakt für die Selection-Weine — „expressiv und elegant", mit Holznoten, die präsent, aber nie dominant sind.
Die Flaschenreife ist ein zentrales Element: Die Turmhof-Weine reifen mindestens 6 Monate auf der Flasche, die Linticlarus- und Vigna-Selektionen 12 bis 24 Monate unter idealen Kellerbedingungen, bevor sie in den Verkauf gelangen. Der 2020 fertiggestellte unterirdische Gär- und Barriquekeller war der jüngste große Investitionsschritt — ein moderner Keller, der sich harmonisch unter den historischen Ansitz fügt.
Im Weinberg arbeitet das Team herbizid-frei in den eigenen Lagen, setzt auf strategische Begrünung zur Bodenverbesserung und schonenden Rebschnitt zur Verlängerung der Lebensdauer der Stöcke. Die Hektarerträge werden bewusst reduziert. Ab dem Jahrgang 2025 tragen ausgewählte Weine das SQNPI-Nachhaltigkeitssiegel (Südtirol Wein Agenda 2030), das ökologische, ökonomische und soziale Kriterien entlang der gesamten Produktionskette jährlich überprüft. Die Energieversorgung ist ein Thema, das Tiefenbrunner seit über einem Jahrhundert begleitet: Das 1910 errichtete Wasserkraftwerk wurde 2001 auf 100 kW modernisiert (Zweistrahlturbine mit elektronischer Steuerung), 2024 kamen zwei Photovoltaikanlagen hinzu. Heute deckt das Weingut über 97 % seines Strombedarfs aus eigener erneuerbarer Energie.
Produktion und Vertrieb
Mit 31 Weinen — davon 80 % Weiß und 20 % Rot — aus 12 Rebsorten deckt Tiefenbrunner ein breites Spektrum ab, gegliedert in fünf klar profilierte Weinlinien:
- Merus (Classic): Sortentypisch, natürlich-elegant. Trauben aus den Tallagen, Ausbau in Edelstahl und Beton. Einstiegslinie für den Alltagsgenuss.
- Turmhof (Selection): Trauben aus ausgewählten Hanglagen bis 900 m. Monatelange Hefelagerung, teils in Holz ausgebaut. Sensorische Komplexität, Struktur und Eleganz.
- Linticlarus (Selection): Benannt nach der historischen Burg „Castrum Linticlar". Drei charaktervolle Rotweine und ein Süßwein. Reifung in kleinen Eichenfässern, exzellentes Lagerpotenzial. Erster Jahrgang des Lagrein Riserva: 1977.
- Vigna (Grand Cru): Einzellagenweine nach strengem Weinbergs-Prinzip — niedrige Erträge, präzise Vinifikation, maximaler Terroir-Ausdruck. 2016 lanciert, darunter der legendäre Feldmarschall von Fenner Müller-Thurgau vom Fennberg.
- Ad Tempus (Library Release): Ältere Jahrgänge der Premium-Weine, die unter idealen Kellerbedingungen gereift und erst nach Jahren der Flaschenreife freigegeben werden.
Der Vertrieb spannt sich von lokal bis international: Der Weinladen in Entiklar (Mo–Fr 8:30–18:30, März–Oktober) lädt zu Walk-in-Verkostungen ein, das Bistro Castel Turmhof serviert seit 2021 Südtiroler Spezialitäten in historischem Ambiente — vom Schlossgarten über den Innenhof bis zum Gewölbekeller. Über den Webshop werden alle Weine versandkostenfrei ab 150 € verschickt.
International ist Tiefenbrunner über ein dichtes Händlernetz in Deutschland (Hawesko, Tesdorpf, Superiore, Weinfinger u. a.) und den USA (Winebow) vertreten. Seit 2015 engagiert sich das Weingut zudem im Gemeinschaftsprojekt Cortaccia Rossa — zusammen mit drei weiteren Kurtatscher Produzenten eine Initiative, die den Rotweinstandort Kurtatsch stärkt. Tiefenbrunner ist Mitglied der Freien Weinbauern Südtirol (FWS).
Besonderheiten
- Ansitz Turmhof (800+ Jahre) als Weingut, Weinladen, Bistro und Event-Location
- 1972: Höchstgelegener Müller-Thurgau-Weinberg Europas auf dem Fennberg (1.000 m)
- Eigenes Wasserkraftwerk seit 1910 (seit 2001 modernisiert auf 100 kW), Photovoltaik seit 2024 — über 97 % Eigenversorgung mit erneuerbarer Energie
- SQNPI-Nachhaltigkeitszertifizierung ab Jahrgang 2025
- Herbizidfreier Anbau in eigenen Weinbergen
- Cortaccia Rossa: Gemeinschaftsprojekt mit drei weiteren Kurtatscher Produzenten (seit 2015)
- Weinlinien: Merus (Classic), Turmhof (Selection), Linticlarus (Selection), Vigna (Grand Cru), Ad Tempus (Library Release)
Lagrein-Weine (2)
Linticlarus Lagrein Riserva
Das Flaggschiff unter den Lagrein-Weinen des Hauses, erstmals 1977 vinifiziert. Der Name erinnert an die historische Burg „Castrum Linticlar", die dem Gut seinen Ursprung gab. Dunkles Rubinrot mit zarten Aromen von Waldfrüchten und Kirschen. Feinkörnige, reife Tannine begleiten ein schönes Säurespie...
Turmhof Lagrein
Der Turmhof Lagrein wird seit 1986 produziert und repräsentiert die Selection-Linie des Weinguts. Ein kräftiges Granatrot mit violetten Reflexen prägt die Farbe. Zartes, charakteristisches Bouquet von Veilchen und Kirschen, dezent unterstrichen von einem vollen, runden Fruchtgeschmack. Feinkörnige G...
Kontakt & Info
- Adresse
- Schlossweg 4, I-39040 Kurtatsch an der Weinstraße, Italien
- Telefon
- +39 0471 880 122 -
- info@tiefenbrunner.com
- Website
- www.tiefenbrunner.com
Steckbrief
- Ort
- Entiklar-Kurtatsch
- Rebfläche
- 25 ha (eigene Weinberge); ca. 77 ha gesamt
- Produktion
- 31 Weine (80 % weiß, 20 % rot)
- Kellermeister
- Stephan Rohregger
- Gegründet
- 1848
- Besuch
- Möglich ✓